„EINE BRANDREDE AN MEINE GENERATION“ - BUNDESWEITES FESTIVAL WOMEN IN ARCHITECTURE 2025, KEYNOTE STANDORT MINDEN

Liebes Publikum,

ich habe jetzt genau 10 Minuten, um zum Einstand diesen Saal verbal abzufackeln. Über die Möglichkeit,

das tun zu dürfen, freue ich mich sehr, denn die Vorbereitung auf diese Veranstaltung führte vor allem zu

einem Resultat und zwar, dass ich stink sauer bin und dankbar wäre, diese Wut hier abzuladen, um

morgen wieder gut gelaunt nach Hause fahren zu können.

Danke schon mal, dass sie hier sitzen, auch wenn Sie recht wenig Möglichkeiten zur Flucht haben, aber

sie werden es schon überleben. Wer es nicht hören mag, halte sich bitte die Ohren zu.

Ich habe mir also zur Vorbereitung mal aktuelle Zahlen Daten Fakten zur Arbeitssituation von Frauen in

der Architektur und darüber hinaus angeschaut und frage mich jetzt eigentlich nur noch, warum man als

Frau heutzutage eigentlich überhaupt noch freiwillig arbeiten sollte. Klar, das macht ja manchmal auch

Spaß, und irgendeinen Grund braucht man ja auch, um morgens aufzustehen, bisschen Geld braucht

man zum überleben und sowieso ist ja Selbstwirksamkeit auch total wichtig. Außerdem haben wir heute ja

alle Chancen der Welt!

Irgendwie reicht es mir langsam mit dem Märchen, dass wir ja alles schaffen können, wenn wir nur wollen.

Es stimmt einfach nicht!

Zum ersten Mal habe ich das verstanden, als mir im Studium der Kulturwissenschaften eine

Absolventenstatistik in die Hände fiel, die ungefähr so lautete: 80% der Studierenden sind weiblich. Dann

kommen viele Seiten bla bla bla. Letzte Seite: 90% der Ehemaligen, die Führungskräfte werden, sind

männlich. Hä? Echt jetzt? Das heißt ja, dass quasi ALLE 4 Männer im Hörsaal automatisch

Führungskräfte werden.

Also hab ich kleines stolzes Wesen natürlich gedacht: Nicht mit mir! Ich geh wo anders hin. Aber ich

musste feststellen: es ist ja überall das Gleiche. Völlig egal in welcher Branche.

Und dann wird man so gelockt… Man kennt es… „Komm doch in dieses mega inspirierende Programm,

wo man so „female allieships“ knüpfen kann und so voll durchsetzungsstark werden kann und dann wird

einem beigebracht, wie man so ganz hart verhandelt und ich saß da immer nur drin und dachte, das ist

die lächerlichste und gleichzeitig genialste Idee ever: sag doch einfach den Frauen, sie müssen sich

einfach nur ganz doll bemühen, unauffällig wie Männer zu sein und dann klappt das schon mit der

Karriere. Oder sagen wir mal: mit der Gleichberechtigung. Wir wollen ja mal nicht übertreiben.

Dabei kann das ja gar nicht funktionieren. Eine Person, die gleichzeitig im Job performt und sich darauf

konzentrieren muss, eine andere Person zu sein als sie ist, kann gar nicht so entspannt durchs

Berufsleben laufen, wie jemand, der einfach nur genau das machen muss, was er schon immer gemacht

hat: nämlich einer von den 4 Typen aus der Vorlesung sein. Es geht nicht! Probieren Sie mal, rückwärts

genauso schnell zu rennen, wie jemand neben Ihnen vorwärts. Sie haben keine Augen hinten am Kopf!

Und die Füße sind auch irgendwie andersrum gebaut.

Sie denken vielleicht - gut wissen wir, jetzt kannst Du mal aufhören, dich aufzuregen. Nein, nein. Nicht so

schnell. Denn das ist ja noch gar nicht nicht alles.

Um sicher zu gehen, dass man auch keine Frau zu viel in die volle Erwerbstätigkeit entlässt, hat man sich

was richtig Schlaues überlegt: man stellt einfach keine ordentliche Kinderbetreuung zur Verfügung. Genial

oder? Keine ordentliche Betreuung und das sogar flächendeckend! Mit Müh und Not klappt diese

Strategie sogar auch im Osten der Republik recht gut, wo es früher eine durchgehende Betreuung gab.

Irre! Welch Meisterwerk!

14Damit gibt es gratis das Ausschlussargument für Frauen auf verantwortungsvolle Positionen für alle

Altersgruppen:

- Für junge Frauen: die wird ja eh bald schwanger.

- Für diejenigen, die gerade Kinder bekommen haben: Die muss ja zu Hause bleiben.

- Und für die, bei denen es schon etwas her ist: Die war zu lang zu Hause.

Voll praktisch. Und europaweit einmalig in seiner Erfolgsquote. Wir sind Weltmeister in der Disziplin:

weibliche Teilzeitbeschäftigung (in NICHT-Führungspositionen)

Im Zweifel, und auch passend für die kinderlosen Frauen oder diejenigen, die ihre Kinder anderweitig

betreuen lassen, gibt es auch noch folgende ebenfalls sehr erfolgreichen Methoden, genannt

- „Meetings nur nach 19:00 oder einfach gleich irgendwo, wo Frauen nicht gern hingehen“,

- „Degradierung durch Sexismus“ (plump aber wirkungsvoll), oder

- „Wir hatten ja eine Frau im Vorstand, aber dadurch sind die Ergebnisse auch nicht besser geworden“.

Das Phänomen nennt man übrigens Glass Cliff und beschreibt eine systematische Tendenz, Frauen

oder Angehörige unterrepräsentierter Gruppen vor allem dann in Führungspositionen zu berufen, wenn

Organisationen in der Krise stecken - also gerade dann, wenn die Wahrscheinlichkeit zu scheitern

besonders hoch ist.

Ich könnte noch ewig weitermachen, aber ich hab ja nur 10 Minuten.

Alles in Allem kann man festhalten: Was ein volkswirtschaftlicher Blödsinn!

Liebe Entscheider (nein, die weibliche Form ist dieses Mal nicht mitgemeint): Warum bezahlt ihr überhaupt

die Ausbildung von Frauen mit Steuergeldern? Die sind in der Schule meist besser als die Jungs (nervt

voll) und in Ausbildung und Studium auch (nervt auch voll), aber dann bekommen sie eh keinen

gescheiten Job und dann regen sie sich darüber auf, weil sie ja eigentlich die besseren Noten hatten und

streiten sich mit ihren Männern und gehen auf die Straße und schmeißen rosa Mützen in die Luft. Nervt

doch alles wirklich ungemein.

Also kann man sie auch gleich sein lassen diese Geldverschwendung für eine riesengroße Lüge.

Übrigens: Wenn wir jetzt hier bei LinkedIn wären, kämen Reaktionen wie: in anderen Ländern ist es noch

schlimmer. Reg dich nicht so auf. Vor einigen Jahren durftet ihr noch gar nicht studieren. Wir haben doch

schon voll viel erreicht.

Aber ich sag Euch mal was: NEIN. Wir haben gar nicht viel erreicht. Wir haben ETWAS erreicht. Aber viel

ist das nicht. Und es ist langsam. Und zäh. Und frustrierend.

Warum ist das nicht viel? Weil Deutschland alle Optionen hat - im Gegensatz zu anderen Ländern. Es

geht uns richtig richtig gut. Aber wir machen aus richtig richtig viel richtig richtig wenig.

Es ist wie das Artensterben. Wir wissen viel, aber tun zu wenig. Oder wie die Mobilitätswende: alles fertig

erforscht. Aber wir ändern es nicht. Oder die Jugendhilfe: interessiert niemanden, bis einer durchdreht.

Konkret zum Thema der Veranstaltung, nämlich irgendwas mit Frauen - für mich eine der absurdesten

Erkenntnisse überhaupt: die Medizin hat noch nicht mal gecheckt, dass Frauenkörper anders

funktionieren als Männerkörper. Es interessiert anscheinend einfach nicht.

(Ich weiß sehr wohl, dass es nicht nur fehlendes Interesse ist, sondern die Vergabe von

Forschungsgeldern, die aber wiederum von Menschen vergeben werden, die es nicht zu interessieren

scheint, weshalb ich die verkürzte These, dass bestimmte Themen mit weitreichenden Folgen einfach

nicht zu interessieren scheinen, recht angebracht finde).

Zurück zum Thema: ich als Teil der tendenziell besser in der Schule seienden (ich sage tendenziell, denn

rein faktisch gehörte ich zu denen, die nur in Fächern gut waren, die auch niemanden interessiert haben,

nämlich Sport, Musik und Kunst), ich treffe jetzt die Entscheidung, dass mich euer Blödsinn jetzt einfach

auch nicht mehr interessiert.

Drehen wir den Spieß doch um: Macht doch euren Scheiß allein! Entscheidet allein, was richtig harte

Arbeit ist. Wie ihr das Land wieder nach vorne bringt. Verzichtet auf gendern und das ganze Gedöns, weil

es aktuell wirklich wichtigeres gibt.

15Und wir Frauen lassen euch machen. ALLES. Weil ihr es einfach besser könnt. Wir streiken das System

kaputt.

Und alle Männer, die jetzt gern Teil unserer Bewegung von Faulpelzen sein wollen, lade ich gern ein, ein

Seminar zu besuchen, in dem sie lernen, wie man freundlich kommuniziert, seine Ellenbogen einfährt,

Menschen auf der Straße weder verbal noch körperlich belästigt, wie man einen richtig guten

Kindergeburtstag organisiert, wie man Fußnägel lackiert, welche Periodenprodukte wann am passendsten

sind, wie man zuhört und im Konsens zu einer Lösung findet.

Genial oder? Das Land wird zusammenbrechen, andere Länder reißen wir bei der Gelegenheit gleich mit

in den Abgrund und wir alle lassen uns grinsend mitreißen, gestärkt von der Gewissheit, dass wir recht

hatten.

Wir hatten recht!

Aber tot sind wir halt leider trotzdem und da liegt der Hund begraben: Sich einfach zu verweigern und

beleidigt wegzuschauen ist eben leider auch nicht viel besser als das, was wir aktuell all überall sehen: die

komplette Verweigerung, sich den dramatischen Tatsachen anzunehmen, weil es KRASS anstrengend ist

und viel einfacher ist, Leute aufeinander aufzuhetzen. Das ist der vielfach und erfolgreich getestete

Dauerbrenner unter den Verdrängungsstrategien.

Und das, liebe Leute, ist die einzige Sache der wir uns alle verweigern sollten. Wir müssen uns der

Verdrängungsstrategien verweigern!

Es ist mir völlig egal, wo ihr herkommt, ob ihr Frauen oder Männer seid, welcher Herkunft, welcher

sexueller Orientierung, welchen Alters. Es geht nicht um Männer oder Frauen - es geht darum, eine

Gesellschaft und damit auch einen Raum zu schaffen, in dem alle gleichberechtigt leben können. Das ist

kein Wohlfühlparadies zum faul rumliegen. Das ist harte Arbeit kombiniert mit Mut und Liebe zum Leben.

Und es bedeutet in letzter Konsequenz, dass jede Frau und jeder Mann und alle dazwischen und

außerhalb die Option haben, unverschämt, korrupt und unfähig zu sein. UND - das ist der entscheidende

Punkt - gleichberechtigt dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Genauso soll niemand ein Seminar besuchen müssen, um jemand anderer zu sein als er oder sie ist, nur

um einen Hauch von einer Chance zu haben, eigene Ideen umsetzen zu können. Jede Frau und jeder

Mann und alle dazwischen und außerhalb sollen die Option haben, loyal, fair und genial zu sein. UND -

das ist der entscheidende Punkt - gleichberechtigt dafür mit Erfolg gekrönt werden.

Liebe Herren - es tut mir leid, aber Sie sind nun mal in den meisten Fällen am Hebel. Sie sind es, die jetzt

den großen Unterschied machen können. In der Architektur, in den Stadtverwaltungen, in den Beratungen,

in den Kulturinstitutionen, in den Konzernen: Ich hab keine Lust mehr auf Spielchen. Und ich weiß, dass

dies Großteile meiner und noch größere Teile der kommenden Generation auch nicht mehr haben. Ich bin

aber hochmotiviert unter fairen Bedingungen mein letztes Hemd zu geben, um den anstrengenden

Tatsachen ins Gesicht zu sehen und gemeinsam Lösungen zu erarbeiten.

Sein Sie schlau und hören Sie auf so zu tun, als wäre die gläserne Decke nicht absichtlich eingezogen

worden oder erklären Sie ihren Kollegen oder Chefs, die das ernsthaft noch nicht kapiert haben, dass es

mal an der Zeit wäre, eine Treppe für alle einzubauen.

Ich mach bei dem Blödsinn nicht mehr mit. Und wenn ganz viele nicht mehr mitmachen, dann wär das

reichlich schlecht für die Statik unserer Gesellschaft, denn so ein Glaskasten ohne Fundament, der steht

nicht mehr lang.

Vielen Dank

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